Ausgewandert.

Fortaleza, the Capital of Ceará.

Image via Wikipedia

Geraldo hat diesmal zehn Flaschen Cachaça-Zuckerrohrschnaps im Urlaubsgepäck, dazu reichlich Cola, Bier, zwei Bratpfannen, ein paar Kilo Reis und Bohnen, drei Tische, zehn Stühle und eine große Hängematte. Der Mann aus Fortaleza an der Nordostküste Brasiliens will Ferien in einer leerstehenden Bar an seinem Lieblingsstrand Praia do Uruau 120 Kilometer südlich seiner Heimatstadt machen. Früher hat er dort direkt am Strand zu Livemusik getanzt, hat gefeiert und seine Frau kennengelernt. Seit mehr als fünf Jahren ist die Strandkneipe inzwischen geschlossen: zu wenig Gäste, der Laden leergeräumt, das Haus Wind und Wetter ausgeliefert, der Besitzer weggezogen. Ein Traum unter Palmenwedeln im Zerfall.

Geraldo hat die „Bar do Magal“ mit ihrer Terrasse für umgerechnet ein paar Euro die Woche gepachtet. Sein Vertrag zur Verwirklichung des Lebenstraums läuft für drei Wochen. So lange spielt er jetzt in seiner Lieblingsbar am Meer Kneipier. Viel los ist an den Endlos-Sandstränden des Bundesstaates Ceara nicht, an goldgelben Küsten mit puderzuckerfeinen Dünen bis hinter den Horizont.

In Morro Branco gibt es ein paar gut laufende Beachbars, weil dort an den Wochenenden die Städter zum Feiern hinfahren, in Praia das Fontes zwei Hotels, an der Praia do Diogo nur noch ein paar Fischerboote im Sand. Je weiter man nach Süden kommt, desto einsamer wird es: viel Strand für wenige Menschen, viel Sonne für ein paar Aussteiger auf Zeit, dazu ständig kühlender Wind für braungebrannte Haut. Brasilien ohne Rio-Rummel, ohne ausufernde Kriminalität. Strände fast wie am fünften Schöpfungstag, als es den Menschen noch nicht gab – und nur der Beach-Buggy bereits erfunden war.

Fast hätte Cearas touristischer Karrieresprung bereits stattgefunden, doch im letzten Moment verlief alles im endlosen Sand. Bereits 1998 sollte es erstmals Charterflüge von Deutschland aus nach Fortaleza geben. Knapp zehn Stunden hätte der Nonstop-Flug gedauert – ungefähr so lange wie in die Karibik. Hotels auf 300 Küstenkilometern waren bereits unter Vertrag genommen, für den erwarteten Besucheransturm. Beachbar-Betreiber, Buggyfahrer, Pferdeverleiher – alle rieben sich die Hände vor Vorfreude und waren neugierig auf die Fremden. Sie warten immer noch, mehr als ein Jahrzehnt inzwischen, doch im Moment kommen nur die Wenigen, die auf dem Umweg über Lissabon oder Recife mit Linienjets anreisen.

Drei Tage hat Geraldo in „seiner“ Bar zum Aufräumen, zum Putzen und zum Streichen gebraucht. Werbung hat er keine gemacht, nur die breite Hängematte gespannt, sich mit seiner Frau hineingelegt und auf Gäste gewartet. Am ersten Tag kamen zwei, am zweiten schon drei. Nach einer Woche hat er elf Portionen gebratenen Fisch mit Reis und Bohnen für umgerechnet weniger als zwei Euro verkauft, dazu ein paar „Antarctica“-Bier, einen Kasten Cola. Eine Flasche Cachaça hat er selber getrunken. Sollte das Geschäft während seines Urlaubs noch in Schwung kommen, will er herziehen, für immer hierbleiben und seinen Traum zwischen Strand, Hängematte und Herd leben. Klappt es nicht, war es trotzdem schön: Geraldo wird die Kneipe im nächsten Urlaub wieder mieten.

Die Küstenstraße CE 40 verläuft kilometerweit im Hinterland, ist schmal, holperig und doch eine Lastwagen-Rennstrecke. Die Stichstraßen zu den Orten am Meer sind sandig und oft nicht mal ausgeschildert. Wer sie fährt, wird an ihrem Ende mit Alltag belohnt, mit Gastfreundschaft, mit Stränden, die noch kein Tourist zuvor entdeckt hat.

Diese kleinen Fischerorte an der Küste von Ceara kommen ohne Häfen aus. Die flachen Jangada-Boote werden wie Flöße auf den Strand gezogen und von dort aus über Baumstämme wieder ins Wasser gerollt. Die Segel werden zwischenzeitlich nicht eingeholt. Kaum eines ist ohne Werbung: mal für Autoversicherer, meistens für eine Zementfirma, manchmal für Reifenhersteller. Diese Sponsoren kaufen den Fischern das Tuch, um sich einmal im Jahr bei der großen Jangada-Regatta vor Fortaleza allgegenwärtig ins rechte Bild zu rücken. An allen anderen Tagen bleibt die Werbung folgenlos. Kaum jemand sieht sie an den einsamen Stränden, niemand draußen auf den Wellen des Südatlantik. Drei Tage sind die Fischer mit ihren Nussschalen meist draußen.

Cristiano aus Barra do Sucatinga ist einer von ihnen. Sein Boot heißt ausgerechnet „Polar“ – obwohl es in Ceara heiß und trocken ist. Namenspatron ist eine Biermarke. Nach der Rückkehr verkauft er die Ausbeute der Fangfahrt direkt am Strand – diesmal zwei Dutzend rosa schillernde Snapper und zwei große Rochen. Abends werden sie auf der Schiefertafel der Kneipe „Artistas Seutota“ in Barra stehen: „Muqueca de Arraia“, Rochen in Kokossoße – die große Portion für zwei Personen zu umgerechnet knapp vier Euro.

Kürzlich hat Cristiano sich als Nachtwächter ein paar Reais hinzuverdient. Damals hat der landesweite Fernsehsender Rede Globo hinter den Dünen der Praia dos Anjos vier Wochen lang die brasilianische Variante von „Big Brother“ aufgenommen. Der Titel: „No Limite“ – „Ohne Limit“. Die Kandidaten waren wohlbeleibte Großstädter, die in der kargen Dünenwelt einzig mit dem zurechtkommen mussten, was die Natur hergibt. Sie schliefen unter Palmen, wohnten unter einem Cashewbaum. Streichhölzer zum Feuermachen, Angelausrüstung oder ein Fischernetz mussten sie sich erst verdienen, indem sie komplizierte Aufgaben in der Wildnis lösten. Was immer sie taten, die Kamera hielt drauf, und allabendlich fieberte die TV-Nation halb mit, halb spottete sie.

Bis Barra kommen die Buggyfahrer nur selten. Sie heizen auf der Suche nach Ausflüglern über den Strand bei Praia das Fontes. Wer zusteigt, kann mit ihnen im Rennwagen-Tempo über die Dünen schaukeln. Fündig werden sie fast nur in den Hochsaison-Monaten Dezember/Januar und Juli. Warum in den anderen Monaten kaum Gäste kommen, versteht keiner. Das Wetter ist dasselbe – im Tagesschnitt über 25 Grad, meistens Sonne, nur im August stürmischer.

Odualdo nimmt nur zum Schlafengehen die Sonnenbrille ab, als ob das so zum Coolness-Codex der Beach-Rennfahrer gehört: „Das Spannende für mich“, erzählt er irgendwann, „ist gar nicht das Fahren, sondern das Kennenlernen der Menschen von anderswo.“ Warum so wenig Europäer darunter seien, will er wissen. Eine schlüssige Antwort gibt es nicht.

Geraldo hat für diesen Abend das Menü seiner Miet-Beachbar erweitert. Die Fischer von Uruau haben Krabben mitgebracht. Er serviert die frittierten Camarão mit einem Dip aus Kokosmilch, Koriander und Zwiebeln – ein Rezept seiner Schwiegermutter. Sechs Gäste kommen an diesem Abend, und zusammen trinken sie eine Flasche Cachaça. Mund-zu-Mund-Propaganda. Das Geschäft mit der Bar im Paradies läuft an.

via Brasiliens einsame Küste (RP ONLINE, 12.03.2011)

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